Ralph-Joachim Hoffmann: „Ich werde Friseur der englischen Königin!“

Was ist der Herzschlag eines Friseurlebens? Die Leidenschaft für diesen Beruf! In unserer neuen FMFM Serie „Lovestories“ erzählen Friseur*innen IHRE Geschichten in Briefen an ihr junges Friseur-ICH.

Spannend, berührend und einzigartig schildern sie ihre Lebenslinien und ihre beruflichen Wege zwischen Bauchgefühl, Kopfentscheidung und jeder Menge Haar.

Bei der Premiere am Start: der wundervolle Ralph-Joachim Hoffmann.


Lieber Ralph-Joachim,

was waren das für spannende Zeiten! Weißt du noch, wie es damals angefangen hat im September 1983? Der Beginn der Ausbildung zum Damen- und Herrenfriseur. Voller Elan bist du gestartet und warst doch ein zarter, schüchterner Bengel, der sich nicht traute, jemandem in die Augen zu schauen.

Allen Widerständen zum Trotz – auch ohne den Segen der Eltern – hast du den Traum, den du schon seit deinem dritten Lebensjahr hattest, in Angriff genommen. Damals, als du mit Mutti beim Friseur viel Zeit verbringen durftest, weil deren Hochsteckfrisur einmal in der Woche neu erstellt wurde. Du durftest Haare fegen, hast mit den Kunden gequasselt, alle Menschen im Salon waren am Lachen, es roch so unglaublich gut und irgendwie schien jeder glücklich den Salon zu verlassen.

Dann – BÄHM! – sahst du das Bild der jungen Königin Elisabeth und ihrer Schwester in der Zeitung. Waren die schön in ihrem Abendkleid und mit dem Diadem im Haar. Da wurde der Wunsch geboren: Ich werde Friseur! Und ich gehe nach England und werde der Friseur der Königin. Ernstgenommen hat das außer dir keiner. War aber egal. Das und nichts anderes war das Ziel!

Du hattest kein Modell? „Geh auf die Straße und such‘ dir eines“. Da gab es kein Pardon!

Die Ausbildung war alles andere als ein Zuckerschlecken: das viele Stehen, die viele Arbeit, oft keine Pausen. Dauerwell-Papier wurde von uns Azubis geglättet, getrocknet, bis es auseinanderfiel. Ständig putzen, Haare waschen und färben. Dazu ein Chef und eine Chefin, die wahnsinnig viel verlangten. Mindestens zweimal in der Woche musstest du Modelle anschleppen. Nach Feierabend, versteht sich, denn dafür war ja im Salonalltag keine Zeit. Du hattest kein Modell? „Geh auf die Straße und such‘ dir eines“. Da gab es kein Pardon! Und: die Modelle haben dafür bezahlen müssen. Stundenlanges Wickeln von Dauerwellen am Übungskopf; die Finger haben sich schon verkrampft. Föhnen üben jeden Tag. Aber: weil du schnell kapiert hast, durftest du auch schnell an die Kunden ran und assistieren.

Bereits im ersten Ausbildungsjahr wurde für Wettkämpfe trainiert. Wir sollten zu den Besten gehören. Das war kein Wunsch, sondern Gesetz. Sonntags haben wir entweder trainiert oder sind quer durch Deutschland gefahren, um an Wettbewerben teilzunehmen. Und wir gehörten zu den Besten! Jeder von uns zwölf Azubis, egal in welchem Lehrjahr, stand beinahe immer auf dem Treppchen. Wie geil war das denn? Du durftest zeigen, was du kannst und wurdest gelobt. Gab es davor nicht so häufig. Das machte wirklich Spaß!

Deine Haltung wurde besser, die Brust vor Stolz breiter. Du wurdest von wildfremden Menschen erkannt. Und im zweiten Ausbildungsjahr durftest du dann auch schon deine ersten eigenen Kunden bedienen. Klar ging da auch mal was schief, das hat dich frustriert, aber es wurde besser, immer besser.

Das viele Reisen machte enorm Spaß. Zuvor bist du ja nie wirklich herausgekommen. Als eines von 14 Geschwistern war sowas nicht drin. Klar, es war auch anstrengend und quasi nie einen Sonntag frei, aber die Welt stand dir offen.

Und was war das für ein tolles Gefühl, gemocht zu werden, für das, was man tut! Wie wunderbar fühlte es sich an, wenn der Kunde gern zu dir wollte und hinterher strahlend den Salon verließ?

Noch mehr Lob, noch mehr wachsen. Und ich weiß: diese Anerkennung hat dir immensen Spaß gemacht!

Du durftest auch viele Seminare im Studio von L’Oréal besuchen – am Sonntag oder dem freien Montag selbstverständlich. Das war noch mal eine ganz andere Welt. Dahinter steckte ja so viel! Du hast gelernt, die Farben nach dem Farbkreis richtig zu mischen, tolle Strähnentechniken, Haarschnitte graphisch aufzubauen, zu föhnen, sodass die Frisur eine Woche hielt.

Weil du so oft dort warst, hast du quasi schon zum Inventar gezählt. Immer öfter wurdest du gebeten, zu assistieren. So bist du auf die Bühne gekommen. Du durftest den Teilnehmern zeigen, wie es geht, später sogar als Co-Trainer ganz eigenständig Dinge erklären und vorführen. Das war mal was. Noch mehr Lob, noch mehr wachsen. Und ich weiß: diese Anerkennung hat dir immensen Spaß gemacht!

Dann hat es dich in die weite Welt gezogen. Nach Italien, wo es schönes Wetter gibt und viele dunkelhaarige Menschen (blöd nur, dass im Norden, wo du gelebt hast, so viele blonde Italiener lebten). Du hattest das Glück, dort als Fachtrainer arbeiten zu dürfen. Weg aus dem Salonalltag, rein in die Welt der Seminare, der Bühne und auch der Fotoshootings. War das aufregend! Eine neue Sprache lernen, viele Reisen, tolle Hotels und das Fliegen. Ganz Italien und auch die südliche Schweiz hast du bereist. Du hast so viele Salons gesehen und spannende Menschen kennengelernt. Veranstaltungen mit mehreren hundert oder gar tausend Leuten, die Fotoshootings und die viele Arbeit, die dahintersteckt, bis man das EINE Foto hat. Davon hattest du zu Anfang ja keine Ahnung. Das Arbeiten im Team, gemeinsam etwas schaffen – ein berauschendes Gefühl.

Ich weiß noch wie heute, wie das erste Mal England für dich war. Raus aus dem Flugzeug und allein der Geruch hat sich nach Zuhause angefühlt.

Aber da war ja noch was: Der Wunsch, nach England zu gehen, hat dich niemals losgelassen. Immer wieder hast du bei jeder Gelegenheit laut davon geträumt. Bis plötzlich dein Chef in Italien dir die Möglichkeit anbot, denselben Job in England anzutreten. Einfach so. Aus heiterem Himmel. Und die hatten sogar schon eine kleine Wohnung organisiert für den Anfang! WOW! Die mussten dich ja wirklich schätzen, um dir diesen, deinen Traum zu erfüllen. Ich weiß noch wie heute, wie das erste Mal England für dich war. Raus aus dem Flugzeug und allein der Geruch hat sich nach Zuhause angefühlt. Und der erste Mensch, welcher dir entgegenkam, war ein ungefähr 25 Jahre junger Mann mit Aktenkoffer, Nadelstreifenanzug und Dreadlocks! Echt jetzt? Wie ist denn sowas möglich, dass der Mann mit einer solchen Mähne eine Arbeit bekommt, bei der er Nadelstreifenanzug trägt? Du warst angekommen! Ein Land, in dem das möglich ist, ist ein Zuhause!

Der Job in London hat dir so unfassbar gut gefallen. Du hast so viele spannende Orte gesehen, Menschen kennenlernen dürfen und hinter die Welt von Glitzer und Glamour geblickt. Du durftest Prominente kennenlernen, wurdest auch bald für die eine oder andere Gala gebucht und bist sogar bis nach Hawaii geflogen, um bei einer Hochzeit die Braut und die Brautjungfern zu stylen. Solche Anfragen kamen immer öfter und das war sehr aufregend. Und wenn man hinter die Kulissen blickt, doch ganz schön normal. Du durftest von den Besten lernen und hast alles aufgesogen. Sogar den legendären Vidal Sassoon duftest du kennenlernen.

Es war so schwer, die Kunden in den Salon zu locken. Du hast nächtelang nicht geschlafen.

Dann, nach ein paar Jahren, hat dich Amors Pfeil erwischt und du hast dich verliebt. So schön die Glitzerwelt auch war, so anstrengend war auf Dauer das Reisen. Oft hattest du beim Aufwachen nicht gewusst, in welcher Stadt du dich gerade befandest. Deine Wohnung teilweise wochenlang nicht gesehen. Also hast du für die Liebe alles aufgegeben und bist zurück nach Deutschland.

In Heilbronn angekommen, erst mal der Schock! Was für ein Kaff. Wie solltest du hier arbeiten? Aber die Liebe war groß (sie hat natürlich nicht ewig gehalten), so musstest du dir was überlegen. Etwa eineinhalb Jahre bist du dann nach Stuttgart gependelt. Das war nervig, denn da ging so viel Zeit verloren. Also hast du kurzerhand den ersten kleinen Ein-Mann-Salon eröffnet. Das war zwar nie dein Ziel, hat sich aber gut angefühlt. Dann ein nächster mittlerer Schreck: Hier kannte dich ja keiner. Da nützte mal diese ganze Jet-Set-Reiserei überhaupt nichts. Du wurdest erst mal argwöhnisch beäugt. Es war so schwer, die Kunden in den Salon zu locken. Du hast nächtelang nicht geschlafen.

Franchisenehmer von mod’s hair: Bereits zur Eröffnung brummte der neue, viel größere Salon in der Innenstadt mit sieben Mitarbeitern.

Nach rund vier Jahren wurde dir klar: das war nicht der richtige Weg. So kam das Angebot, in Heilbronn Franchisenehmer von mod’s hair zu werden, sehr gelegen. Ein bekannter Name würde helfen. Und so war es: Bereits zur Eröffnung brummte der neue, viel größere Salon in der Innenstadt mit sieben Mitarbeitern. Die Leute kannten den Namen aus Stuttgart, Heidelberg oder sonst woher. Die Hütte hat gebrannt, es war wahnsinnig viel Arbeit. Auch und gerade das Führen der Mitarbeiter. Das war ja völliges Neuland für dich. Du hast irre viel gelernt, weil du dich auch hier zusätzlich weitergebildet hast. Ständig.

Und wieder war es so, dass du auf der Straße oder in der Kneipe angesprochen wurdest, weil die Leute wussten, wer du bist. Geil! Ab und zu warst du wieder auf Tour für Fotoshootings, Hochzeiten und auch als freiberuflicher Trainer. So hat sich das gut angefühlt.

Nach zehn Jahren hattest du dann aber das Gefühl, dass du so nicht mehr viel lernen konntest. Zeit für Veränderung und die Entscheidung, dein eigenes Ding zu machen: die Gründung deiner eigenen Marke SCISSORYS Friseure. Das war erstmal prima, denn die Kunden waren ja da. Denen war egal, welcher Name draußen an der Türe stand, solange die Qualität stimmte.

Die Preisverleihung - was für ein Moment: unvergesslich, vor 3000 Leuten im Publikum. Das fühlte sich wieder so gut an.

Zwei Jahre später – während eines Fotoshootings – kam der Anruf, der alles verändern sollte: KREBS! Eine lange Behandlung folgte und du konntest neun Monate nicht arbeiten.

Dem gesundheitlichen Tiefschlag folgte der berufliche: Das zehnköpfige Salonteam, das bis dahin gut funktioniert hatte, war zerstritten. Und zwar so, dass nichts mehr zu retten war. Der große, viel zu teure Laden in der Fußgängerzone war ständig leer, weil die Mitarbeiter fehlten. Also hast du alles auf eine Karte gesetzt und nach einem neuen, kleineren Standort gesucht.

Den hast du dann auch gefunden. Und was für einen! Ein Penthouse hoch über den Dächern der Stadt mit einer tollen Dachterrasse. Diese neue traumhafte Location wurde in Paris sogar zum schönsten Salon der Welt gekürt. Vor Mitbewerbern aus Abu Dhabi und Shanghai. Die Preisverleihung – was für ein Moment: unvergesslich, vor 3000 Leuten im Publikum. Das fühlte sich wieder so gut an.

Du bist deinen Weg unbeirrbar gegangen, hast keine Gelegenheit ausgelassen, Neues zu lernen.

Lieber Ralph-Joachim, auch wenn die letzten beiden Jahre durch die Pandemie erneut schwierig waren, so kann ich dir heute sagen, dass du alles richtig gemacht hast: Du bist deinen Weg unbeirrbar gegangen, hast keine Gelegenheit ausgelassen, Neues zu lernen. So tolle Menschen haben deinen Lebensweg gekreuzt: Prominente und Normalos, Models, Dirnen (die haben immer das beste Trinkgeld gegeben), tolle Lehrer und wunderbare Kollegen.

Du kannst mit Stolz sagen, dass du durch die Liebe zu dem, was du tust, die besten Freunde gefunden hast. Und zwar fürs ganze Leben. Viele Kunden begleiten dich nun seit vielen Jahren und immer wieder kommt es vor, dass sie weite Wege auf sich nehmen. Was du alles erreicht hast im Leben. Weit mehr, als es damals – 1983 – vorherzusehen war.

Den jungen Menschen, die sich für unseren schönen Beruf interessieren, wünsche ich, dass sie genauso viel Erfüllung finden wie du. Unser Beruf ist und bleibt der schönste der Welt! Er ist nicht einfach. Aber wer sich ins Zeug legt, wird belohnt werden. In vielerlei Hinsicht.

Ich würde mir wünschen, dass die kommenden Generationen und auch deren Eltern verstehen, wie wichtig unser Beruf ist. Dank Instagram und Co. hat er zum Glück stark an Bedeutung hinzugewonnen. Neben unserer handwerklichen Arbeit verzaubern wir die Menschen, sind für sie da, begleiten sie oft jahrelang und sind eine wichtige Person in deren Leben. Wir geben ihnen ein gutes Gefühl.

Dieser Beruf bietet so viele Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Die, die gut sind, werden in Zukunft mehr Geld verdienen als so mancher Akademiker.

Dieser Beruf bietet so viele Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln, wie kaum ein anderer. Aber ohne Fleiß kein Preis. Mit Bequemlichkeit erreicht man auch hier nichts. Dank Fachkräftemangel werden die, die gut sind, in Zukunft auch mehr Geld verdienen als so mancher Akademiker.

Ich hoffe so sehr, dass es dir weiterhin gelingen wird, auch den Nachwuchs für dieses herrliche Handwerk zu begeistern. Werde nicht müde, dein Mantra immer und immer wieder zu wiederholen:

„Folgt eurem Traum, glaubt an euch, hört nicht auf, neugierig zu sein, investiert in eure Zukunft und lebt was ihr liebt – dann stehen euch 1.000 Türen offen.“

Nachhaltigkeit & Klimaschutz – Home

Wer keinen Planeten B hat, braucht einen Plan A! Und der heißt nachhaltiges Leben & Arbeiten. Es gibt tatsächlich unendliche Möglichkeiten, Friseursalons zu Nachhaltigkeits-Oasen zu machen. Viele kleine Veränderungen von vielen Friseurunternehmer*innen zusammen machen einen echten Unterschied.

In unserem Showroom-Special zum Thema „Nachhaltigkeit“ stellen wir Euch interessante Konzepte, Strategien und spannende Ideen vor, die zeigen, dass umweltschonende Salonarbeit längst kein Hexenwerk mehr ist!

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